Problembeschreibung

Die Situation älterer Menschen in urbanen Gemeinwesen

Immer mehr Menschen wollen dort alt werden, wo sie schon lange wohnen.
Obwohl wünschenswert und nachvollziehbar, birgt der Wunsch, im vertrauten Wohnquartier alt zu werden, eine Reihe von Risiken. Bereits heute erhält ein großer Teil der Älteren keine Unterstützungsleistungen (mehr) von Familie, Freunden oder nachbarschaftlichem Umfeld – ein Trend, der durch die Zunahme von Single-Haushalten in die Zukunft verlängert und verstärkt wird.
Durch den Ausbau ambulanter Pflegedienste konnte zwar die die Zeit zu Hause erheblich verlängert werden, bei komplexen Problemlagen (z.B. einer demenziellen Erkrankung des alten Menschen) bleibt jedoch oft als scheinbar einzige Möglichkeit die Übersiedlung in ein Pflegeheim.  

Die Infrastruktur ist nicht altenfreundlich

Die Ursachen für diesen vermeintlichen Automatismus liegen auf vielen Ebenen:
Wohnungen, die nicht (mehr) bedarfsgerecht sind, ein ausgedünntes Dienstleistungsangebot und eine zunehmend anonyme Nachbarschaftsstruktur verstärken Tendenzen zur Abhängigkeit von professionellen Hilfesystemen bei gleichzeitigem Verlust von Möglichkeiten der selbst bestimmten Lebensführung. Der betroffene alte Mensch und sein Umfeld sehen unter diesen Umständen häufig keine andere Lösung als den Umzug in eine Institution. Gewünscht ist dieser Umzug in den meisten Fällen nicht.  

Die Nachbarschaft ist überfordert

Nachbarschaftliche und familiale Hilfeleistungen, die durchaus häufiger vorkommen als gemeinhin angenommen, können auf Dauer nur tragfähig bleiben, wenn keine Abhängigkeiten entstehen und die Last der Verantwortung nicht allein auf den Schultern einiger weniger ruht. Das gilt sowohl für die Familienmitglieder (meist Ehepartner oder Töchter/Schwiegertöchter) als auch für die Nachbarschaft.
In Kombination mit einem verlässlichen professionellen Hintergrundsystem ist und bleibt familiale und nachbarschaftliche Hilfe (nicht nur) für alte Menschen eine tragende Säule im Gemeinwesen. 

Neue Akteure sind gefragt

Bis in die Gegenwart gelten Problemlagen alter Menschen als eine Sache, um die sich die Familie oder die Wohlfahrt kümmert. Wir haben schon festgestellt, dass beide damit längst überfordert sind.  Die Wohnungswirtschaft – die den größten Teil der alten Menschen beherbergt - wird zunehmend mit der Situation ihrer alten Mieter konfrontiert und ist gefordert, Aufgaben zu übernehmen, die nicht im Bereich ihrer Kernkompetenzen liegen.
Aus der Verantwortung gegenüber den Mietern heraus aber auch zunehmend aufgrund wirtschaftlicher Zwänge (aktueller oder drohender Leerstand) müssen auch Wohnungswirtschaftsunternehmen nach Lösungen suchen, alt gewordenen Mietern das Weiterleben in ihrem Quartier zu ermöglichen. Sie werden damit zu neuen Akteuren/Partnern in einem Handlungsfeld, das bislang Wohlfahrtsorganisationen vorbehalten war. 

Ein bedarfsgerechtes und barrierefreies Umfeld tut Not

Unsere städtebaulichen Strukturen sind nicht für alte Menschen konzipiert.
Einkaufsmöglichkeiten sind häufig nur mit dem Auto zu erreichen, Zugangswege sind nicht barrierefrei oder schlecht beleuchtet, Bewegungsflächen und Ausstattung der Wohnungen (vor allem der Bäder) sind nicht funktionsgerecht. Abhilfe ist mit relativ geringen Mitteln zu schaffen und es lassen sich Effekte erzielen, die durchaus auch für jüngere Mieter attraktiv sein können. Ein lebendiges und „sorgendes“ Gemeinwesen ist und bleibt ein Standortvorteil für jedes Wohnquartier. Ein barrierefreier Zugang zum Haus gefällt nicht nur dem gehbehinderten alten Menschen, sondern auch der Mutter mit Kinderwagen.

Die alten Nachbarn

Die „Go-go’s“

Die älteren Menschen selbst sind eine äußerst heterogene Gruppe. Je länger die dritte Lebensphase dauert, desto stärker differenzieren sich Unterschiede aus.
Die agilen (die sog. Jungen Alten oder „go-go’s“) suchen Chancen, den dritten Lebensabschnitt sinnvoll zu gestalten – und dies durchaus im Dialog mit jüngeren Generationen. Sie sind keine Adressaten von Angeboten, die einen „Sozialtouch“ haben, aber durchaus zugänglich für Service- und „Wellness“-Angebote. Wie bei den nachfolgend genannten auch, ist dieser Status nicht zwangsläufig an ein bestimmtes Lebensalter gebunden, findet sich naturgemäß aber häufiger bei jüngeren Alten.

Die „Slow-go’s“

Alte Menschen mit eingeschränktem Aktionsradius aufgrund körperlicher Gebrechen (die „slow-go’s“) laufen Gefahr zunehmend isoliert zu werden und haben häufig alltagspraktische Probleme. Vor allem die adäquate Versorgung mit Dienstleistungen (Einkauf, Reinigung von Wohnung und Kleidung, Arzt- und Frisörbesuch etc.) und Freizeitangeboten gestaltet sich häufig schwierig. Bei dieser Gruppe muss vor allem die Versorgung mit niedrigschwelligen Service- und Unterstützungsleistungen organisiert werden. In dem Lebensabschnitt, in dem solche Gebrechen drohen, sind besonders Frauen zudem häufig vom Verlust des Lebenspartners – und damit der wichtigsten Kontaktperson – betroffen. Damit drohen Isolation, Vereinsamung und entsprechende psychische Folgeerscheinungen (Depressionen). Bei diesen Menschen erlangt die (Re-) Aktivierung von familialen und nachbarschaftlichen Kontakten hohe Priorität. Auch hier gilt, dass dieser körperliche Status nicht automatisch an ein bestimmtes Labensalter gebunden ist, aber häufig bei den „mittleren Alten“, also den 70 – 80jährigen eintritt. 

Die „No-go’s“

Eine dritte Gruppe schließlich, die von Pflegebedürftigkeit betroffenen oder bedrohten alten Menschen[i], sind in besonderer Weise existenziell gefährdet. Ihnen drohen Rückzug von Freunden und Nachbarschaft (und damit Kontaktverlust und Isolation), Verlust von Autonomie, Abhängigkeit und psychische Folgeerscheinungen wie Depressionen etc. Hiervon sind besonders die Hochbetagten oder solche alten Menschen betroffen, die einen Schlaganfall (Apoplex) hatten.

Die „No-know’s“

Eine zahlenmäßig immer größer werdende Gruppe in allen westlichen Industrienationen sind die von demenziellen Erkrankungen betroffenen alten Menschen. Dieses Risiko betrifft vornehmlich Hochaltrige, ist aber nicht auf diesen Personenkreis beschränkt. Bei dieser Gruppe ist die Gefahr des Verlusts der eigenen Wohnung und der Institutionalisierung am höchsten. Das traditionelle ambulante Hilfesystem mit seinen sporadischen Einsätzen ist nicht in der Lage, diese Menschen adäquat zu versorgen. Mit Ihrem hohen Potential an Selbst- und Fremdgefährdung sind diese alten Menschen auch für Familie und  Nachbarschaft eine Überforderung und nicht selten auch eine latente Bedrohung.  

Die bedrohten Alten

Dieses grobe Raster der Einteilung der älteren Generation wird deren Vielfältigkeit und ihren unterschiedlichsten Bedürfnissen nur annähernd gerecht. Es soll an dieser Stelle auch lediglich dazu dienen, die möglichen Zielgruppen gemeinwesenorientierter Interventionen zu identifizieren.
Es liegt nahe, primär die beiden letztgenannten Gruppen (die „no-go’s und die „no-knows“) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Sie sind es, die am ehesten davon bedroht sind, ihre vertraute Nachbarschaft verlassen zu müssen. Die einen, weil Wohnung und Umfeld nicht mehr funktionsgerecht sind, die anderen, weil konventionelle Maßnahmen des ambulanten Versorgungssystems nicht mehr ausreichen, um eine verantwortbare und angemessene Versorgung zu gewährleisten.
Beide Gruppen wären mit einer intelligenten und vernetzten (ambulanten) Versorgungsstruktur in der Lage (bzw. zu motivieren), in ihrem Quartier zu bleiben.
Das nachfolgend beschriebene Konzept versucht, die Bausteine dieses Konzepts zu beschreiben und die Systemvoraussetzungen zu benennen, unter denen es erfolgreich intervenieren kann.

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